DAS KRIEGSENDE IN DER HEIMAT

Ein Bild, das um die Welt ging: Im heutigen Lahn-Dill-Kreis nahm der amerikanische Kriegsphotograph John Florea die berühmte Sequenz von Bildern auf, die einen sechzehnjährigen deutschen Flakhelfer kurz nach seiner Gefangennahme durch amerikanische Truppen zeigt. 1996 starb dieser ehemalige deutsche Soldat; er kann uns nichts mehr, über das erzählen, was ihn Ende März 1945 nervlich zusammenbrechen ließ. Floreas Aufnahme lässt aber erahnen, was dieser Jugendliche im Fronteinsatz gesehen haben muss.

Dem Ende hautnah – die zehnten Klassen in einer Ausstellung im Kreisarchiv

Exponate der Ausstellung „Das Kriegsende in der Heimat“

Zwei Jugendliche nähern sich, von Mehren aus kommend, der Höhe von Birnbach. Sie sind 16 und 17 Jahre alt, tragen Uniformstücke der Hitlerjugend und verschiedene Ausrüstungsgegenstände der Deutschen Wehrmacht. Jeder der beiden führt eine Panzerfaust mit sich. Vielleicht hat der eine, wie nicht selten in der Endphase des Krieges, in seinem Feldgepäck Verbandsmaterial aus Beständen der italienischen Armee. Vielleicht wurde der andere der beiden Freunde mit einer Handgranate aus sowjetischer Fertigung ausgerüstet. Möglicherweise führen sie gerade den Befehl aus, ihre Stellung zu verlegen, vielleicht setzen sie sich aber auch in Panik von ihren zusammengewürfelten Verbänden ab, die mit einfachsten Mitteln und vollkommen aussichtslos die sich vorarbeitende amerikanische Infanterie und etliche Sherman-Panzer zurückschlagen sollen. Sie gehören zum „Volkssturm“, jenem „letzten Aufgebot“, das, bestehend aus Kindern und alten Männern, verhindern soll, was längst militärische und politische Wirklichkeit ist – die Zerschlagung des nationalsozialistischen Terror-Regimes nämlich, das über Europas Grenzen hinaus eine in der Weltgeschichte einmalige Blutspur gezogen hat und dies selbst Anfang 1945 noch fortführt.

Abschussrohr einer Panzerfaust. Der Klappmechanismus bietet die Zieloptik. Zur wirksamen Panzerbekämpfung musste man sich je nach Version an eine Nähe von 150 – 30 m an den gegnerischen Panzer heranarbeiten. Damit war man aber auch Ziel des Bord-MGs und der mitrückenden Infanterie.
Sprengkörper einer Panzerfaust als Replik. Die Handhabung der Waffe wurde in der Endphase des Krieges nur noch unzureichend erklärt. Der Rückstrahl mit enormer Temperaturentwicklung war in Distanz mehrer Meter tödlich. Der beigeklebte Warnhinweis mutet dabei schon fast lächerlich an.

Bereits einige Tage nach dem alliierten Rheinübergang bei Remagen ist im März 1945 der Raum um Altenkirchen Kampfgebiet. Luftangriffe auf die Stadt und die umliegenden Dörfer sichern den Vormarsch der Amerikaner, die unter zum Teil heftiger deutscher Gegenwehr einen geeigneten Platz suchen, um die Sieg Richtung Norden zu überqueren und ins Ruhrgebiet vorzustoßen.

Kurz vor der Birnbacher Höhe werden die beiden Jugendlichen von einem deutschen Offizier gestellt: Er will wissen, warum die beiden sich von Mehren und den dortigen Kampfhandlungen entfernen. Einer der beiden Jungen sagt, dass es bei Mehren nur so von Shermans, Tieffliegern und feindlicher Infanterie wimmele. Der Offizier wird im Ton schärfer: Aus genau diesem Grunde hätten die beiden nun schleunigst wieder zurückzumarschieren und die amerikanischen Panzer zu bekämpfen. Dem Panzervorstoß wäre nichts mehr entgegenzusetzen, meldet einer der beiden, das wisse der Offizier doch auch! Der Offizier zieht seine Pistole. Sterben würden die beiden ohnehin – durch seine Dienstwaffe oder durch die Amerikaner. Da sagt der andere Junge lachend, das wäre doch alles nur ein Scherz! Doch der Offizier scherzt nicht. Er versetzt dem Jugendlichen aus nächster Nähe einen Kopfschuss – ein Mord, für den er zeitlebens nicht zur Rechenschaft gezogen werden wird.

Deutsche Uniform in Flecktarn

Das alles ist siebzig Jahre her; die Anzahl der Zeitzeugen jener Tage wird immer geringer. Und so droht ohne eigens gepflegte Erinnerungskultur eines der furchtbarsten Kapitel deutscher Geschichte im Dunkel der Vergessenheit zu verschwinden. Die Haltung wird zudem mittlerweile immer häufiger offen ausgesprochen, „dass man doch nun endlich einmal einen Schlussstrich unter die Epoche des Nationalsozialismus‘ ziehen“ müsse. Aber angesichts der millionenfachen Verbrechen, die auch und gerade im angeblich deutschen Namen begangen worden sind, muss stets die Erinnerung wachgehalten werden, müssen die Prozesse und Entwicklungen, die in Völkermord, Terror und Verbrechen gegen die Menschlichkeit mündeten, jederzeit im Gedächtnis der Welt verhaftet bleiben. Und lange werden sie nicht mehr mahnen können, die befreiten KZ-Häftlinge, die überlebenden Zwangsarbeiter, die Häftlinge der Gestapo-Gefängnisse, die zeitlebens kriegsversehrten Soldaten und die traumatisierten Augenzeugen der Bombennächte. Wir brauchen diese Erinnerung aber leider wohl in unseren Zeiten, in denen militärische Auseinandersetzungen und der Terror gegenüber Zivilisten zunehmend zum weltweiten politischen Alltag gehören.

Unermüdlich sammelte der Betzdorfer Ralf Anton Schäfer in den vergangenen zwei Jahrzehnten Überreste aus den letzten Kriegstagen im Altenkirchener Raum, dokumentierte Erinnerungen und Aussagen sowohl der damals betroffenen deutschen und amerikanischen Soldaten als auch der Zivilbevölkerung. Gegen das Vergessen konnte er so einen reichhaltigen Fundus an Quellen- und Informationsmaterial zu den Vorgängen im Raum Altenkirchen zusammenstellen, den er mit Unterstützung des Kreisarchivars Jacek Swiderski in den Räumlichkeiten des Kreisarchives Altenkirchen ausstellte.

Felduniform der US Army

Zukunftssicherung und Friedenswahrung sind wesentliche Ziele des Geschichtsunterrichtes – und so bot die Ausstellung den zehnten Klassen unserer Schule die Möglichkeit zu einem besonderen ortsversetzten Unterricht. Sehr schülernah berichtete Herr Schäfer von den letzten Kriegstagen, von den Hinrichtungen der „Verräter“, die keinen Sinn mehr im Massensterben sahen, von hunderten Opfern alliierter Bombenangriffe, von realitätsfernen deutschen Durchhalteparolen und besonders von dem improvisierten Material, das, zusammengekratzt von allen Frontabschnitten, westerwäldischen Jugendlichen in die Hände gedrückt wurde, um allen Ernstes ohne sinnvolle Unterweisung gegen kampferprobte und bestens ausgerüstete GIs anzutreten. Da war trotz aller ausgestellten Flugzeugmodelle, Geschosshülsen und Propagandaplakate kein Gedanke an eine Verherrlichung des Krieges. Orden und Tapferkeitsmedaillen, wofür auch immer verliehen, waren nicht Exponate dieser Ausstellung. Was hätten sie auch dokumentieren können, diese Orden? Die Reste einer drei- oder fünfköpfigen Besatzung nach Panzerabschuss? Den Versuch, brennend aus der Luke auszusteigen, um den sicheren oder schnelleren Tod im Kugelhagel zu finden? Und nahe ging sie einem dann schon, Herr Schäfers plötzliche Aufforderung an drei der Schüler, sich mit teilweise vollkommen unpassenden Stahlhelmen und frontgefertigten Panzerfäusten innerhalb der nächsten zwei Stunden in Uckerath zum Kampfeinsatz gegen die Sherman-Panzer einzufinden. „Wie, das ist unmöglich?“ Das wäre ihm egal, die Schüler hätten den Befehl unverzüglich auszuführen! Aber man würde doch in voller Ausrüstung zu Fuß mindestens vier Stunden bis Uckerath brauchen!

Es hilft kein Diskutieren – der Befehl ist ausgegeben, seine Ausführung hat „wie auch immer“ zu erfolgen. Da wird nicht gefragt nach der Meinung von Jugendlichen! Und genau so klangen auch damals diese Befehle, die in den Kriegswirren der letzten Tage an Jugendliche und Kinder ergingen – Befehle, die oft genug für ungeklärte Schicksale sorgten, Befehle, an die heute meist nur ein schlichtes und gesichtsloses Steinkreuz auf einem der vielen Soldatenfriedhöfe der Region erinnert. Auf vielen dieser Kreuze ist der „Name“ dieser Jugendlichen vermerkt: „Unbekannter Soldat“.

Plötzlich war sie in den Ausstellungsräumen gegenwärtig, die Ohnmacht gegenüber einer irrsinnigen Befehlsgewalt, die Kinder und Jugendliche für eine menschenverachtende Ideologie missbrauchte und verheizte. Und unsere Schüler waren mit einer Situation konfrontiert, innerhalb der man vor siebzig Jahren fanatisiert oder unter Todesangst einen niemals ausführbaren Befehl verpflichtend auszuführen hatte – „wie auch immer“.

Unsere drei Zehntklässler mussten nicht nach Uckerath aufbrechen; sie konnten nach dem Besuch der Ausstellung wieder in ihr Klassenzimmer gehen. Aber ganz kurz waren sie mittendrin im Kampfgeschehen und in dem Irrsinn des Krieges. Ganz kurz waren auch sie als Kanonenfutter Teil dieser Jugend, die das Nazi-Regime sinnlos einem angeblichen Existenzkampf zwischen den Völkern und Rassen der Welt opferte. Und wahrscheinlich werden sie sich zeitlebens an diese Ausstellung erinnern.

Im März 1945 lag ein junger Mensch ihres Alters mit zerschmettertem Schädel tot neben einer Straße bei Birnbach in seinem Blut. Und sein Freund behielt diesen Anblick für den Rest seines Lebens im Gedächtnis, quälte sich damit, litt unter dem Erlebten. Unter diesen Mord kann man keinen Schlussstrich ziehen; er blieb ungesühnt – einer von unsagbar vielen Morden. Und diese Morde werden weiter begangen.

Quellennachweis aller Bilder: Archivsammlung Ralf Anton Schäfer, Betzdorf, mit freundlicher Unterstützung des Archives des Landkreises Altenkirchen